Einweihung der Gedenktafel für jüdisches Leben in Hohenstein

Hier ist ein Auszug meiner Rede, die ich anlässlich der Einweihung einer Gedenktafel für jüdisches Leben in Hohenstein gehalten habe.

„Meine sehr geehrten Damen und Herren,

75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau kommen wir in Hohenstein, rund 1000 km von dem Ort, an dem Menschen, Deutsche, anderen Menschen vieler Nationen unsägliches Leid, Schändung und Tod zugefügt haben, zusammen, um an die Shoah zu erinnern. Menschen haben Schuld auf sich persönlich, aber auch auf die Zukunft einer ganzen Nation geladen, die mit Worten und Gesten nicht wieder gut gemacht werden kann. Und doch ist es gerade unsere Pflicht als Deutsche, dieser Schuld gerecht zu werden und das Erinnern an persönliche Schicksale aufrecht zu erhalten. Noch 7000 Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau können heute noch erzählen, was ihnen damals widerfahren ist. Und es ist wichtig, ihnen zuzuhören und dies auch an unsere zukünftigen Generationen weiterzugeben. Ganz persönlich ist es mir so wichtig, dass ich heute meine Tochter gebeten habe, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Sie ist 10 und wir besuchten vor gut zwei Wochen gemeinsam einen anderen Ort des Schreckens: Das Konzentrationslager Mittelbau Dora in Nordhausen. Sicher braucht es mehr als das Geschichtsverständnis eines Kindes, dieses Grauen auch nur erahnen zu können. Und doch ist es wichtig, sich der Vergangenheit unserer Vorväter zu stellen.

Steinmeier sagte gestern in Jad Vashem:
„Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit. Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt.
Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten.“

Genau dieser von unserem Bundespräsidenten beschriebene Hass und die Hetze sollen unseren Motor des Nichtvergessens antreiben. In Zeiten, in denen rechte politische Parteien ganz offen gegen Minderheiten hetzen, in denen eine Synagoge mit Waffen angegriffen wird und man den Landesvorsitzenden einer Partei gerichtlich bescheinigt als Faschisten bezeichnen darf, muss eine demokratische Gesellschaft zusammen stehen und darf nicht wegsehen. Die Shoah war eben nicht von Anfang an in ihrer Dimension für jedermann erkennbar, aber sie wurde mit aller nationalsozialistischer Macht vorangetrieben und der gesellschaftliche Widerstand im Keime erstickt.

Wir wollen diesen Widerstandskeim zu einer blühenden Pflanze werden lassen, unsere Geschichte nicht vergessen und die Schicksale der Toten und Vertriebenen, der Gequälten und der Geschändeten erinnern und aufrecht erhalten. Und wo kann dies besser gelingen, als an dem Ort, an dem das jüdische Leben zuhause war? Hier in Holzhausen über Aar und Breithardt gab es eine lebendige Gemeinde. Das Gebetshaus, wegen Baufälligkeit schon vor langen Jahren abgerissen, zeugte davon. Und doch ist es den Nazis nicht gelungen, das jüdische Leben bei uns in Hohenstein, in unserer Region auszulöschen. Nein, auch heute noch Leben Juden gerne hier bei uns in Hohenstein und Umgebung. Und auch heute noch ist es wichtig klarzustellen, dass es nicht ein WIR und ein DIE gibt. Wir gehören zusammen, überkonfessionell und überkulturell.

Und deswegen bin ich – sind wir – Heinz Römermann dankbar, dass er unbeirrt in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sein Engagement für das Erinnern vorangetrieben hat. Lieber Heinz, ohne Dein Zutun würden wir möglicherweise heute nicht diese erinnernden und mahnenden Tafeln einweihen können. Und auch Ihnen, Herr Mandelbaum, sind wir zu tiefem Dank verpflichtet. Nicht nur, weil sie mit Ihrer Spende die Aufstellung der Tafeln ermöglicht haben, sondern ganz besonders, dass sie dem Tätervolk nicht den Rücken zugekehrt haben und mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, sondern dass sie sich der sicherlich schweren Aufgabe gestellt haben, die Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten.

So lassen Sie uns diesen Tag heute in Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Hohenstein mit einem positiven Blick in die Zukunft begehen.

Dietrich Bonhoeffer schrieb in seinem berühmt gewordenen Brief aus dem Konzentrationslager Flossenbürg:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Dieses Gottvertrauen wünsche ich uns allen und was hier auf Erden an politschem Kampfeswille gegen das Vergessen und für eine lebenswerte, friedliche und tolerante Gesellschaft zu leisten ist, dafür sollten wir ebenfalls alle einstehen.“